"Viva hoy día, mañana no es tuya!""Lebe heute, denn morgen ist nicht dein..."
[Foto 10.03.2010: Fensterputzer am Casino von Valdivia]Wenige Minuten ist es her, dass mein Hausbesitzer obenstehenden Satz am Mittagstisch von sich gegeben hat. in welchem Zusammenhang? ... die Erdbeben und Nachbeben in Chile.
Der heutige Tag wird in die Geschichte Chiles eingehen.
Ein Grund wieder mal meine eigene Berichterstattung zu reaktivieren:
Seit heute
11.März 2010 ist
Sebastian Piñera amtierender Staatspräsident Chiles.
Er ist Nachfolger der sozialistischen Präsidentin Michelle Bachelet. Damit bekleidet erstmalig seit Ende der Diktatur Pinochets (1989) ein konservativer Politiker dieses Amt. Schon allein das reicht aus um den Tag denkwürdig zu machen...
damit aber nicht genug: noch während der Amtseinführung gab es ein erneutes Erdbeben, diesmal (im Epizentrum südlich von Valparaiso) mit einer Stärke von 7,2° auf der Richterskala. Welch seltsame "Koinzidenz".

Als Gipfel der Verkettung seltsamer Zufälle: eine Zeitung ("The Clinic" die den Ruf "anarchistisch" zu sein hat) schmückt ihr Titelblatt mit einem Bild von Pinochet, der sagt "llegó mi réplica". Das heißt so viel wie "mein Nachbeben ist gekommen" (réplica ist das wort, das seit dem Erdbeben hier ständig zu hören ist, da es täglich mehrerer schwache "replicas" gibt). Wer auch immer der Autor dieses Titelblattes war,... ein verrückter Zusammenhang. [Foto: links Tageszeitung "La Tercera" mit Foto von Piñera, rechts "the Clinic" mit Pinochet]
Ich sitze nun an einem strahlend sonnigen Donnerstag in Valdivia. Enttäuscht. Eigentlich wollte ich heute nach La Serena reisen, um zwei Freundinnen, die gerade unterwegs sind, zu besuchen. Doch das erneute Erdbeben begräbt dieses Vorhaben... Seit am 27.Februar das Erdbeben mit einer Stärke von 8,8° auf der Richterskala im Zentrum Chiles gewütet haben sich die Verkehrsverbindungen deutlich verschlechtert. Für eine Rückfahrt von Santiago nach Valdivia, die früher knappe 12 h dauerte, braucht man derzeit aufgrund von Umleitungen um die 19 h. Mit dem erneuten Beben heute, das ich am Ende meiner Uni-Vorlesung auch leicht gespürt hab, ist auch eine Tsunamiwarnung ausgesprochen worden. Die Bedingungen sich in irgendeiner weise durch das Land zu bewegen sind also denkbar ungünstig...
Auch wenn ich nach wie vor völlig ohne Angst hier in Valdivia lebe, hat das Erdbeben doch die Stimmung in Chile auch für mich spürbar verändert...aber wie war es eigentlich, "damals" am 27.Februar 2010?
„Kaum ein Land der Welt ist an Erdbeben so gewöhnt wie Chile; Mercalli und Richter sind Namen, die jeder Chilene aufsaugt wie Muttermilch und nicht vergisst, bis er längst auf Rotwein oder Pisco-Schnaps umgestiegen ist. (Sz-online, 28.02.2010)“
Ich selbst war mir dieser Tatsache aber am Tag meiner Ankunft in Chile gar nicht bewusst. Erst Wochen nachdem ich letztes Jahr hier gelandet bin, hab ich begriffen, mich in einer der erdbebenreichsten Regionen der Erde zu befinden. Das große Erdbeben von Valdivia im Jahr 1960 war für mich längst vergangene Geschichte, die bis heute das Haus in dem ich wohne geprägt hat. Schiefe Böden in jedem Raum, der Kuchen im Backofen wird nie gleich hoch, da der Teig auf eine Seite läuft und das obwohl ein untergelegter Holzklotz versucht den Schiefstand auszugleichen. Aber dass Erdbeben eine wiederkehrende Erscheinung sind....
Angst zu haben lag mir aber dennoch fern, schließlich ist die Wahrscheinlichkeit doch so gering...
Temuco/ Chile. 27.02.2010 3:35 Uhr Freitagnacht. Was etliche Kilometer unter der Erdoberfläche als „sich Verschieben“ tektonischer Platten bezeichnet wird, verändert hier auf der Erdoberfläche ein ganzes Land und seine Bevölkerung. Jeder hat eine andere Geschichte von der Nacht des 27. Februar 2010 zu erzählen.
Meine beginnt im ersten Stock eines Hauses mitten in Temuco. Schlafend. Obwohl ich es nicht gewohnt bin mitten in der Nacht aufzuwachen, manches kann selbst mich aus dem Tiefschlaf reißen… Im Aufwachen spür ich, dass alles um mich herum zittert, "scheppert" und bebt – ich brauche einen Augenblick – dann begreif ich: es hört nicht auf, wird stärker. Erdbeben! Verwundert hat mich im Nachhinein, dass mir sofort klar war, was zu tun ist. Raus aus dem Haus! Ins Freie! Erschrecken und Eile, gemischt mit dem Zustand frisch aus dem Schlaf gerissen zu sein, lassen mich die Treppe mehr hinunterfallen als laufen… unten kommt mir schon eine Freundin entgegen und schreit „A fuera! A fuera!“ (hinaus, hinaus). Wenige Augenblicke später sind alle aus dem Haus im Garten versammelt. Uff… Erleichterung. Ich setz mich auf die Erde ins Gras und fühle, wie die sich immer noch bewegt. Hin und her… Ein irres Gefühl. Langsam beruhigt sich der Boden wieder…

Gerade noch rechtzeitig bevor das Handynetz zusammenbringt schaff ich es eine SMS nach Hause zu senden „gab ein Erdbeben, geht mir gut“. Wie gut, denn schon bald zeigt der Fernseher schreckliche Bilder aus Concepción und der Region des „Epizentrums“. 8,8 Grad auf der Richterskala, über 300km Länge, halb Chile bebt… Das 5. schlimmste Erdbeben seit beginn der Aufzeichnungen. Ein trauriger Rekord. Noch am Morgen haben wir im Hospital von Temuco gearbeitet, das jetzt in der Nacht evakuiert wird…Wenige Augenblicke später bleibt der Fernseh schwarz und auch das Licht. Stromausfall.
[Foto aus der Zeitung "El Austral". Ich war in der Region de la Araucania, wo es mit einer stärke von 7,5° gebebt hat] Den Versuch wieder schlafen zu gehen geben wir nach dem zweiten Nachbeben auf. Am Tag darauf bleibt neben Strom und Telefon auch noch das Wasser weg. Und das, obwohl wir in Temuco gute 250km vom Zentrum der Erschütterung entfernt sind. Wir gehen in die Stadt. Sämtliche Geschäfte bleiben zu und mit den Metalljalousien verschlossen. Überall sieht man eingestürzte Mauern, Glasscherben, verwüstete Schaufenster, Risse in den Wänden, herunterhängende Deckenverschalungen. Das Krankenhaus ist mit Rissen übersäht. Der Altbau nicht mehr benutzbar, der Neubau noch nicht vollständig fertig gestellt und schon wieder mit neuen Schäden versehrt. Handgeschriebene Schilder versuchen Orientierung zu geben über die neue Verteilung und Organisation der verschiedenen Notfallambulanzen. Zwischendrin Bauarbeiter, die einen noch am fertig stellen, die anderen am Reparieren und Risse ausbessern.
[...]
vier Tage nach dem Erdbeben bin ich mit dem Bus nach Valdivia zurückgekehrt.
Ich kann abschließend nur sagen, Gott sei dank, war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und durfte alles so völlig unbeschadet erleben.
Bilder und Fotos stell ich absichtlich keine online. Ich finde es schwer halbwegs ehrlich Bericht zu erstatten wie alles war. Die Situation in ihrer eindrucksvollen Intensität zu beschreiben ohne das Geschehene übertrieben schrecklich darzustellen oder aber zu untertreiben, denn es gibt so viele unterschiedlich betroffene Regionen: Jeder hat eben eine andere Geschichte von der Nacht des 27. Februar 2010 zu erzählen.