Samstag, 29. August 2009

Auf und ab!

Englisch mit spanischem Untertitel.

Sonntagabend 30.08.2009 Gerade komm ich vom Cine Club heim. Das ist ein kleines Kino am Uni-Campus, wo ich heute zum ersten Mal war. Auch wenn ich zu Hause genug zu tun gehabt hätte, bin ich ganz bewusst noch rausgegangen. Fast jeden Abend laufen dort Filme in einem richtig echten Kinosaal...heute: Enemigos públicos/Public enemies mit Johnny Depp.

Aber ich erzähl euch jetzt in Stichpunkten die Geschichte der letzten Tage.
Der Titel "AUF & AB" passt dazu recht gut.


Donnerstag 27.08:
Langenscheidt und Umgangssprache.

Nach dem ersten Mal Deutsch-Chilenischem Stammtisch in der Bar Ultima Frontera, war ich am Donnerstag mit meinen Kommilitonen auf einer Medizinerparty. Auf dem Weg dahin hab ich einiges an Wörtern gelernt, die ich in der Uni wohl besser nicht alle hernehm. Ein harmloses Beispiel: atracar=knutschen. Hab aber schon wieder die Hälfte vergessen.

Sehr lecker übrigens zum Trinken: Pisco-Cola.














Freitag 28.08

Hätte mich heute früh jemand gefragt: wie geht´s dir? wär meine ehrliche Antwort gewesen: nicht so gut. Ich häng in der Luft und such den Boden. Zu mindest fühlt es sich manchmal so an. Was mir in der Vorlesung durch den Kopf gegangen ist: "Allein sein hat manchmal nichts damit zu tun wieviele nette Menschen man um sich herum hat."

Mit diesem Gedanken bin ich ins Wochenende gestartet, an dessen Ende die Welt schon wieder ganz anders aussieht....

Die erste Aufgabe war: Wohnung besuchen. Die Adresse hab ich mehr oder weniger deutlich am Telefon verstanden. Jetzt erst mal hinfinden. Und nein... es beginnt zu regnen...ein kleiner Laden war der erstbeste Zufluchtsort....aber den Regen abwarten bringts nicht....

75g Schokolade später stand ich nass, orientierungslos und nicht gerade glücklich unter einem Baum um mich und meinen feuchten Stadtplan vor noch mehr Regen zu schützen.
Am Ende hat mich die Vermieterin netter Weise mit dem Auto aufgegabelt nachdem ich nicht ganz hingefunden hab. Das war wirklich einen nette Frau. Sie wohnt mit ihrem 14 jährigen Sohn allein und ich könnte mit einziehen. Nettes Zimmer, schönes Häuschen. Nur zwei Dinge: sehr weit ab vom Schuss und sehr ruhig. Aber es ist vorerst mein Umzugsplan ab September, wenn ich nix passenderes finde. Es gibt wirklich mehr als genug Möglichkeiten zum Wohnen, aber den optimalen Kompromiss hab ich noch nicht gefunden. Und mit offenen Augen und Ohren gibt´s immer wieder neue Tipps. Ich find schon noch meinen Platz hier ...


Erlebnis Nummer zwei am Freitag:
Warum auch Briefmarkenkaufen ausgezeichnete Sprachkenntnisse voraussetzen sollte seht ihr im Foto. Erst am Ende hab ich gemerkt, dass eine der vielen unverstandenen Fragen die war, ob ich maschinengedruckte Marken haben will. War wohl ein "ja" an der falschen Stelle. Jetzt hab ich hässliche Computermarken, statt großer bunter...


Drittens: Visitas. Ich durfte zum ersten Mal mit auf HausbeSUCHE. Erst hab ich im Regen gewartet darauf, dass mich jemand, den ich nur vom Namen kenn am Treffpunkt abholt. Witzig, wenn man bei jedem Auto denkt, der könnt es sein...
die Suche ist übrigens absichtlich groß geschrieben. Es hat sich herausgestellt, dass es gar nicht so leicht ist Familien, die per Telefon nicht erreichbar sind in Häusern ohne Hausnummer zu finden. Wenn man dann mal das Wohnhaus hat muss man nur noch hineinkommen. Ohne Türschild und ohne Klingel.
Das ganze selbstverständlich mit Pfützen-seen am Boden und Regen von oben. Für mich war es das Abenteuer des Tages und super spannend zu sehen, was für unbekannte Ecken Valdivia noch hat und spätestens hier weiß ich, wie toll es ist einen Ort nicht nur als Tourist zu entdecken...

1,5h Fitnessstudio später.

Freitag Abend:
Wieviel Grad hat eine eiskalte Dusche?
Aber nachdem ich verschwitzt war gab´s kein zurück. Da musst ich dann durch.
Reicht, wenn die Kleidung mieft. Wenigstens ich will mich fünf Minuten am Tag sauber fühlen. Nachdem ich aber wieder viel besser gelaunt war, hab ich mich über dieses Abenteuer amüsiert und hineingestürzt ins kalte Nass.
Nach der Dusche gings in die Neuentdeckung der letzten Tage:
Das Cafe/Bar Ultima Frontera. Anders und noch besser als s´Cafe MORO.












Wie auch immer ich drauf gekommen bin - beim Verlassen des Hauses hab ich begonnen die Sekunden zu zählen bis ich nass bin. Keine 10 Sekunden später kam eine Windböhe und hat Schirm und Jacke jeglicher Funktion entzogen. Nass. Zum 3. Mal heute.
Ich hab mich ganz allein mit meinem Buch bewaffnet aufgemacht. Nicht den Abend allein daheim sitzen. Meine Mitbewohner, die ich gerade kennengelernt hatte, sind alle ausgezogen.
Rotwein und Lesen war der Plan.

Allerdings war kein Tisch frei und als einer frei wurde, hab ich gemeint, ich hab kein Problem mich mit noch einem einzelnen wartenden an denselbigen zu setzen. Statt zu lesen hab ich also dann 2 h mit einem wildfremden Chilenen mittleren Alters gequatscht. Auch nicht schlecht, oder :-)

Samstag 29.08.

Ausschlafen. D.h. ich wach um 11.45 auf und oh mein Gott, Sonnenstrahlen. Nix wie raus.
Aber wohin? Nicht ganz gut gelaunt start ich den Tag.
Mit Laptop und Lernsachen bewaffnet, wollt ich vorm MORO noch etwas spazieren gehen, hab dabei meinen Ex-Mitbewohner aus USA getroffen und bin spontan mit ihm zum Essen. Bis dahin hat´s auch wieder zu tröpfeln begonnen, also keine Sorge, man kann ruhig ohne schlechtes Gewissen drin hocken. Danach hab ich aber tatsächlich 3h mit Lernen verbracht und ganze 6 Seiten geschafft.

die Frage der Vorlesung: Wieso Beginnt eine Geburt? stimmt eigentlich? Hab ich mich noch nie gefragt. Und die Antwort ist nicht ganz so offensichtlich wie erhofft.... ich kämpf mich durch das Vorlesungsscript...
factor activador de plaquetas (=Plättchenaktivierender Faktor), fosfatidil-inositor bifosfato (Phosphatidyl-inositol Biphosphat), sodio (=Natrium), ...und dann noch kapieren, wer was macht und welche Kaskade wie abläuft :-) damit der inicio del parto auch functioniert (dieser verschreiber war grad unabsichtlich :-) funktioniert natürlich.
Der Abend war dann sehr schön. Mein deutscher Kommilitone und seine Mitbewohner haben mich mitgenommen und wir sind ins Kunstmann gefahren. Das ist ein Restaurant/Brauerei, wo´s das hier gebraute Kunstmann-Bier gibt. 8erlei Sorten. Und "typisch deutsches Essen". Naja... der Schweinshaxen hatte sehr wenig mit dem bayerischen Pendant zu tun :-) aber ich habs vergnügt zur Kenntnis genommen und den Abend unterwegs mit den anderen sehr genossen. Schee woars!
Am Ende bin ich noch mit zweien davon bei einem Glas Rotwein versackt. Im Ultima Frontera.




Auf dem Heimweg wurd ich dann ausgenommen. Nein, keine Angst, nicht ausgeraubt. Ich hab mir nämlich extra für die 500m Heimweg ein Taxi bestellt. Aber der Taxifahrer hat mich glaub ich bissl beschissen... naja... wieder eine Erfahrung reicher.

und wie ich mitten in der Nacht heimkomm... ist im Hostal Party.
28 Leute sind hier für eine Nacht.
Es stellt sich raus, dass es ein (Kirchen)chor ist. Fast alle zwischen 30 und 50 schätz ich. Sehr witzig. Gesang, Gitarrenmusik und eh ich mich verseh hab ich ein Glas Bacardi-Cola in der Hand.
Das gefällt mir... und heute (Sonntag) bin ich extra in die Kirche gegangen um den Chor zu hören. War dann auch wirklich schön. Auch wenn ich beim besten Willen nicht raugekriegt hab, welche Geschichte im Evangelium dran war. Immerhin das Vater unser versteh ich schon :-)

Jetzt wollt ich euch noch erzählen, dass es in Valdivia, wo viele Menschen deutsche Vorfahren haben auch ein paar übernommene Worte gibt. So gibt´s beim Bäcker z.B. Kuchen. Mehrzahl: Kuchenes :-)

Außerdem gibt´s zu berichten, dass hier viel mehr geraucht wird und ich quasi täglich rauchige Klamotten heimbring. Zigaretten sind auch viel billiger.
Noch was? Ach ja, ich hab mir zwei spanische Bücher von Pablo Neruda gegönnt:

Libro de las Preguntas
und
Veinte Poemas de Amor y una canción desesperada.

Ja und heute war die Neuigkeit des Tages: SONNE. SONNE. SONNE. Ich bin richtig aufgeblüht. So herrlich trocken warm wie heute in der Sonne, war mir schon lang nicht mehr. Wie hab ich das genossen. Auch wenn ich leider nicht viel unterwegs war. Ich muss noch nen Bericht fertig schreiben und eigentlich wollt ich lernen. Soweit bin ich aber dann gar nicht mehr gekommen. Aber 1,5 h bin ich glücklich draußen auf der Veranda gesessen und hab geschrieben und unseren drei Dackeln zugesehen, wie auch sie die Sonne genießen und jeden Fußgänger der vorbeigeht anbellen, bis er am Zaun vorbei ist. Nebenbei hab ich kurz mit Deutschland und Mauritius per skype gequatscht. Schon verrückt. Eine Welt am Balkon vereint. Chile 15 Uhr, Deutschland 21 Uhr, Mauritius 23 Uhr. Will nicht wer nach Asien oder Neuseeland reisen, dann ham wir bald alle Zeitzonen durch.
Inzwischen ist´s hier Mitternacht, ich komm zum Ende. Dabei hab ich noch nichts von meinem neu erstandenen Vanille-Duftsäckchen für mein Zimmer erzählt. Genausowenig von der Nacktschnecke, die Dauergast im Waschbecken ist und heut abend einer neuen Besucherin in meinem Bett :-) Selbstverständlich ist auch wieder mal kein Feuer an...
Alles, was in mir und um mich herum vorgeht, kann und muss man aber eh nicht berichten,....
Und passend zur Ginecologia an der Uni am Ende die Frage:
Eine schwere Geburt? So ein Neustart in der Ferne ist ab und an schon eine nicht so ganz einfache Geburt. Aber ich weiß, wie sehr ich das immer wollte und wie ich es immer noch als das einzig richtige ansehe und so sind auch die kleinen Schwierigkeiten spannender Teil davon.
Und für´s heutige Abschlussfoto musst ich endlich mal drei Schichten G´wand loswerden. Heitere Grüße an alle Lernende, Schreibende, Arbeitende, Ferien machende, Famulierende und Lesende.

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