Gestern nachmittag hat völlig überraschend meine Kommilitonin Rocío angerufen. Ob ich abends Lust hab mit Tanzen zu gehen und vorher con las chicas bei ihr ein bisschen was zu trinken? Wow! Klar hab ich lust. Wie nett, dass sie mich fragen. Ich hab mich richtig gefreut.
Und am gestrigen Abend hab ich mehr gelernt als in einer ganzen Woche Uni.
1. Umgangssprachlich: "Cachai!"z.B. bedeutet soviel wie "hast mi" oder "weißt schon" oder "alles klar", "kapiert", "verstehst". Wird im Zweifel in jedem zweiten Satz verwendet. Ich bin auf jeden Fall um einiges schlauer.
2. Es gibt sehr wohl überall Desinfektionsmittel im Krankenhaus, nur dass die Ärzte´s solang sie die Patienten nicht untersuchen und anlangen natürlich nicht hernehmen müssen und außerdem bin ich ja grad auf ner gynäkolgischen Station und nicht in der Chirurgie. Da sind ja vor allem "unansteckende" Schwangere. Drum ist das ganze nicht so offensichtlich wie erwartet. Also Montag geh ich gleich mal suchen!
3. Wie peinlich ist es für mich zu hören, dass eine Chilenin, als sie in Deutschland auf Austausch war erklärt bekommen hat: "Das sind Messer und Gabel" und wie unsensibel sind andere und gehen bei uns mitsamt "Austauschkind" in die Sauna, wo alle nackt rumlaufen... nicht unbedingt das, was man mit seinen Austauscheltern haben muss, oder? Die Chileninnen meinten, sie wissen eigentlich nicht wenig über Europa und was es z.B. für neue Technik gibt, wir Europäer aber haben im Prinzip keine Ahnung, was hier in Chile abgeht. Hmm... so ganz unrecht haben sie nicht. Aber ich bemüh mich grad viel zu lernen.
4. Ein Grund dafür, warum´s hier so viele super junge Mütter gibt ist wohl, dass im Gegensatz zu uns kaum eine 14 jährige die Pille nimmt. Das sind bei uns ja eher erschreckend viele. Aber hier sind die Eltern davon nicht so ganz begeistert. Wenn die Mädchen aber ein Rezept haben wollen müssen sie ins Consultorio (Gesundheitszentrum), wo alle aus der Gegend hingehen. Also würden automatisch Nachbarn das mitkriegen und bis es die Eltern wissen ist nur eine Frage der Zeit. Außerdem kostet die Pille ja auch noch was. Le voilá. Dann ist noch die Abtreibung illegal und schon hat man die Erklärung, warum´s mehr Jugendliche schwangere gibt.
5. Meine Kommilitonen sind ja wie schon bemerkt ehrgeizig. Wenn sie aber jeden Monat teure Studiengebühren zahlen (auch während ihrer zwei Jahre PJ) und durchaus immer wieder Leute durchfallen, die dann gleich ein ganzes Jahr warten müssen, bis sie weiterstudieren können, weils die Fächer nur alle zwei Semester gibt, ist das auch gut nachvollziehbar.
Dann waren wir noch in einer Disco beim Tanzen. Hier hab ich dann "Regeton" kennengelernt, eine Art von Liedern, die alle ähnlichen Rhythmus haben und der dazugehörige Tanzstil.
Die Disco an sich war allerdings verblüffend ähnlich dem, was man bei uns auch so findet. Mit kleinen Flachbildschirmen an der Wand und Laser-Elektrolicht. Schade, dass die Globalisierung alles irgendwie auch bissl ähnlich macht. Spätestens, als die Backstreetboys kamen hab ich das bedauert... die spanische Musik zwischendrin hat mir besser gefallen. Und irgendwie war´s einfach schön, wieder mal einen Abend "draußen" zu verbringen, nach dem 22 Uhr Bettgehrhythmus.

Heute durft ich dann ein letztes Mal in meinem Hostal frühstücken. Uni ist freitags erst um 10.45 Uhr. Juhu, heute kein Krankenhaus.Der Vormittag ist nämlich für Prüfungen reserviert:-)
Dann Vorlesung. Und juhu, ich hab´s wieder mal geschafft eine Frage zu stellen oder eher die Wortfetzen so aneinanderzureihen, dass der Prof verstanden hat, was ich wissen will.:-)
"Dónde es Wali?" ist übrigens das Pendant zu "Wo ist Walter?" (diese typischen Suchbilder) Darüber hat der Prof nämlich heute auch kurz gequatscht und gegrinst, weil ich´s natürlich erst mal wieder nicht verstanden hatte.
Nachmittags war ich dann wieder im Consultorio und hab mich vor meinem Kommilitonen bissl blamiert als ich versucht hab zur Übung ihn als Patienten anzusprechen und aufzunehmen. Mir fehlen die Worte, mir fehlt die Grammatik, ich bin zu doof zum sprechen :-( aber ich geb nicht auf!
Leitungswasser kann man laut Kommilitonen scheinbar doch trinken.
Später nachmittags: der erste Umzug. Hostal Tótem - Albergue latino.
Viel zu viel Gepäck zum rumschleppen.
Willkommen in der Albergue latino.

Ganz ehrlich? Mein Start war trotz wirklich schön buntem einladendem Haus und Bett nicht so richtig gut. Wieder mal neue Situation, wie verhalt ich mich, was sag ich, usw.? Und was mach ich, wenn ich mich im ersten Moment so gar nicht wohl fühl? Meine Antwort: Gepäck und Wertsachen verstauen und die Flucht ergreifen. Mit Büchern, Tagebuch und Reiseführer bewaffnet hab ich mich ins Cafe Moro zurückgezogen. Was war jetzt am Start so ungut? Nun ja, die Küche, wo ich ja an sich echt nicht sensibel bin, war das eine abschreckende. In den Schränken liegen irgendwelche Sachen völlig lieblos und dreckig rum und ich hab im ersten Anlauf kein einziges kleines Fleckchen gefunden, wo ich mein Zeug (ein Päckchen Salz, Orangen und ne halbe Zwiebel) verstauen kann. Mit dem Foto von den zum Trocknen aufgetürmten Sachen grüß ich ganz besonders meine lieben (Ex-)Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Wir sind definitiv steigerbar :-) Die Hauptursache für die Flucht war aber eine Mitbewohnerin. Eine Deutsche, die mich begrüßt hat mit "komisch, wieso hab ich das gleich gemerkt, dass du deutsch bist" kurz nachdem ich mühsam versucht hab mich auf Spanisch vorzustellen. Und irgendwie hat sie mich mit ihrer so "super-cool-easy-lässigen" aber nicht gerade herzlichen Art eher bissl abgeschreckt. Drum "Adios amigos"... ich such mir ein anderes Fleckchen.


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